Rezension: Isabelle Autissier – Herz auf Eis

„Als Kind hat sie geträumt, sie sei eine Heldin.

Aber dem Leben sind die Träume egal.“

Autorin: Isabelle Autissier

Titel: Herz auf Eis

ISBN: 978-3-86648-256-2

Verlag: mareverlag

Freiheit, Unabhängigkeit, eine Zeit ohne Verpflichtungen, die Tage einfach genießen, die Seele baumeln lassen, selbstbestimmt leben … Wer träumt denn nicht davon?? Wer kann das Verlangen nach dieser Ungebundenheit nicht verstehen? Genau diesen Traum erfüllen sich Louise und Ludovic mit ihrem Sabbatjahr und ihrer Weltumseglung. Nichts kann sie aufhalten, sie scheinen unendlich glücklich, genießen das Leben, saugen es in vollen Zügen in sich auf, sie leben.

Sie kaufen ein Segelboot, die Jason, planen ihre Route und starten ihre Unternehmung. Sie verbringen wunderbare Tage und Wochen unterwegs, Leben das Leben so wie es kommt und sind unendlich glücklich zusammen. Ein Abenteuer folgt auf’s andere … ja, da kann man wirklich neidisch werden.

Dann laufen Louise und Ludovic eine Insel an, die unter Naturschutz steht. Das Betreten dieser Insel ist eigentlich verboten, aber das bereitet ihnen nur kurz Kopfzerbrechen, denn die Neugierde und ihre Abenteuerlust sind viel zu groß. Leider weiß aufgrund des Betretungsverbotes auch niemand Bescheid, wo sie sind …

In den Bergen dieser Insel besuchen sie einen wunderschönen ausgetrockneten See, der Ausblick ist einfach atemberaubend. Als begnadete Kletterin ist Louise Feuer und Flamme, bis das Wetter umschlägt und sie Ludovic dazu drängen muss, endlich umzukehren. Sie eilen wieder zurück zur Bucht, wo ihr Segelboot auf sie wartet. Doch der Sturm ist schneller als sie. Das Gewitter wütet heftig, der Versuch mit dem Beiboot wieder auf die Jason zurück zu kommen, scheitert kläglich. Deshalb suchen sie Unterschlupf in der alten, schon ziemlich verfallenen Walfangstation in der Bucht und müssen dort gezwungenermaßen die Nacht verbringen. Am nächsten Morgen weckt sie der Sonnenschein, der Sturm ist vorüber, sie eilen voller Vorfreude auf das baldige Frühstück an Bord zur Bucht, doch was sie dort vorfinden, ist alles andere als erfreulich. Der Sturm der vergangenen Nacht hat ihr Segelboot weggerissen, sie können es nirgends mehr finden. Es ist verschwunden, einfach weg, keine Wrackteile, nichts ist übrig …

Ihre Verzweiflung lässt sich kaum in Worte fassen, die Situation ist unbegreiflich für sie und sie sind verständlicherweise total überfordert. Sie streiten sich, sie versöhnen sich, sie sind fassungslos. Nun beginnt ein gnadenloser Kampf ums Überleben. Sie richten sich ein Zuhause in der Walfangstation ein, beziehen ein Zimmer, das nicht so extrem verfallen und abstoßend ist. Sie lernen es, Dinge zu reparieren, zu improvisieren, zu kämpfen, zu töten. Es ist erstaunlich, wozu der Mensch fähig ist, wenn es darauf ankommt …

Ich muss sagen, dass die Dynamik der Geschichte meiner Meinung nach wirklich ihresgleichen sucht. Der Erzählstil der Autorin ist absolut bemerkenswert! Sie schreibt auf eine so klare, schmucklose und unverblümte Art, dass einem bei manchen Szenen wirklich die Luft wegbleibt, weil man so schockiert ist, von der Gnadenlosigkeit der Situation und auch von der Gnadenlosigkeit der Schilderung. Nichts wird hier schöngeredet, nichts verklärt, zurückgehalten oder romantisiert. Die Tatsache, auf einer einsamen Insel gestrandet zu sein, ohne Essen und ohne wirkliche Aussicht auf Rettung (auch wenn man es sich verzweifelt versucht einzureden), daran ist ohne Zweifel nichts romantisch.

Pinguine und Robben zu töten und notdürftig zuzubereiten, ist nicht romantisch. Ratten, die über Nacht die hart erkämpften Vorräte anfressen, sind nicht romantisch. Verstopfung von der einseitigen Ernährung zu bekommen, ist nicht romantisch. Der Gestank nach Schweiß und Urin, weil man sich nur notdürftig waschen kann, ist nicht romantisch. Ständig nach Essen zu suchen und doch immer zu hungern, ist nicht romantisch. Den anderen aus purer Verzweiflung und aus reinem Überlebenswillen zurückzulassen, ist nicht romantisch …

Die Schilderungen der Ereignisse sind wirklich außergewöhnlich, denn es läuft einem kalt über den Rücken hinunter, wenn man liest, was den beiden alles passiert und was sie alles mitmachen müssen. Das Ende von Ludovic ist wohl die Szene, die am besten beschreibt, was ich damit meine. Die Autorin beschreibt dieses „Ereignis“ so ruhig, klar und „echt“, so schockierend wahr, dass ich das Buch danach kurz zur Seite legen musste. Es ist eine einzige Tragödie und man kann die Entscheidungen, die Louise im Laufe der Geschichte auf der Insel und dann Zuhause (ja, Rettung kommt dann doch, nur leider für einen der beiden zuspät) trifft, so gut nachvollziehen. Ich verstehe sie. Wer kann mit Sicherheit sagen, wie er reagieren würde, wenn er in eine solche Situation kommt? Niemand.

Leider lässt der Schluss für mich etwas nach. Die Art und Weise, mit der Autissier die Ereignisse auf der Insel schildert, ist so intensiv und geht so unter die Haut, dass es freilich sehr schwierig ist, hier ein gutes Ende zu schaffen. Es war für mich klar, dass Louise, nachdem was ihr zugestoßen war, schnell wieder die Einsamkeit suchen und ihr das „zivilisierte“ Leben aufgrund ihres Traumas, dass sie erlitten hat, einfach zuviel sein würde. Das ganze Theater um ihre Person – um sie, die Überlebende, die Heldin, die Kämpferin, die traurige Hinterbliebene – ist ihr logischerweise viel zu viel. Ihre Flucht ins abgelegene Schottland ist also keine wirkliche Überraschung für mich gewesen. Der Heilungsprozess, den Louise dort durchmacht, ist völlig nachvollziehbar und auch nur logisch und die Genesung und die Absolution stehen ihr auch fraglos zu, nur leider ist für mich dieses Happy End irgendwie zu schnell da und geht mir irgendwie im Vergleich zur restlichen Geschichte weniger unter die Haut … ich „glaube“ dieses Happy End irgendwie nicht, wenn ihr versteht, was ich meine. Weil ich glaube, dass man ein solches Erlebnis nie ganz überwinden kann, auch wenn man es will. Diese immense Schuld, die sich Louise mit ihrem Überleben aufgeladen hat, wird sie nie mehr los werden.

Tatsächlich ist das jetzt aber Nörgeln auf hohem Niveau, denn das Ende ist trotz allem gut, nur eben nicht so gut, wie der Hauptteil der Geschichte. 🙂

Wer dieses Buch lesen will, darf sich keine „schöne“ Geschichte erwarten. Aber ich bin der festen Überzeugung, dass ein gutes Buch nicht immer schön sein muss!! 

Xx Sandra

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