Marco Balzano – Ich bleibe hier | Buchkritik

Der Reschensee und der Kirchturm, der aus dem Stausee ragt, sind ein absoluter Touristenmagnet. Ich selbst habe ihn einmal vor einer ganzen Weile gesehen und der Anblick ist absolut faszinierend, aber auch irgendwie unwirklich und einschüchternd. Man steht da mit großen Augen, total erstaunt, aber ist sich der Tragweite dessen, was man da ansieht, gar nicht wirklich bewusst. Jetzt, nachdem ich den Roman von Marco Balzano gelesen habe, ist er noch viel mehr. Der Kirchturm im Reschensee ist ein Mahnmal für alles, was geschehen ist, als der Damm erbaut wurde. Das Leid, die Gnadenlosigkeit, die Hilflosigkeit – ein unfassbares Schicksal! Und der Kirchturm ragt stumm aus dem See und steht still und trägt all die Erinnerungen an diese Zeit in sich. Und man begreift, was da am Grunde dieses Sees liegt … Leben.


Marco Balzano – Ich bleibe hier

ISBN: 978-3-257-07121-4 | Hardcover Leinen | Verlag: Diogenes


Wie ihr wisst, ist die Sprache eines Romans für mich immer ein wichtiges Kriterium und oft ausschlaggebend, ob mir das Buch gefällt oder nicht. Die Art, wie Balzano die Geschichte von Graun und dem Reschensee schildert, finde ich bemerkenswert. Denn den ganzen Roman über spiegelt seine Sprache das Ende des Geschichte auf eine sehr schmucklose Weise wider, die das Erzählte noch viel tragischer macht. Man beschließt das Buch zu lesen und man kennt das Ende schon, denn man kennt den See und den Kirchturm. Das kommt nicht oft vor. Wenn Balzano die Hoffnung, die Zuversicht, aber auch die Kurzsichtigkeit der Bewohner von Graun schildert, macht sein Schreibstil die Situation nur noch tragischer. Denn man weiß und man spürt, dass die Geschichte für die Betroffenen kein gutes Ende nimmt.

Ich würde den Reschensee gerne wieder besuchen. Aber diesmal werde ich den Turm, den See und alles drumherum mit ganz anderen Augen sehen. Ich werde die Kühe und Schafe, die auf dem Grund gegrast haben, sehen. Und die Kinder, die gespielt, die Toten, die begraben und Lieder, die gesungen wurden hören. Ich werde die Familien sehen, die um ihre Existenz und Heimat gebracht wurden und die Dramen der Kriegsjahre, Südtirol zwischen den Mahlsteinen von Mussolini und Hitler. Die zerstörten Träume und die Illusionen der Leute werde ich sehen. Und ich werde hören, wie die Bauernhöfe gesprengt wurden und sehen, wie die Toten exhumiert und umgebettet wurden, damit sie nicht auf Ewig ohne Stein oder Kreuz am Grund des Sees unter einer Schicht Beton liegen müssen. Wirtschaftliche Interessen sind nicht zum ersten Mal mehr wert als Menschlichkeit.

Der Roman von Balzano schildert das Schicksal und Leben einer jungen Lehrerin und ihrer Familie. Trina war voller Hoffnungen und Übermut und am Ende war davon nicht mehr viel übrig. Eine erfundene Geschichte, aber dennoch auf so vielen Ebenen wahr und ergreifend. Ich habe es sehr genossen, dieses Buch zu lesen. Es ist ruhig, hat mich aber doch nachdenklich gestimmt. Ein sehr gutes Buch und eine absolute Empfehlung!

Xx Sandra

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